Stellungnahme der DTL

„Tinnitracks“

Mit der Smartphone-App „Tinnitracks“ der Firma Sonormed GmbH aus Hamburg soll Tinnitus durch ein spezielles Hörtraining mit abgewandelter Musik behandelt werden. „Tinnitracks“ wird in den Medien als besonders innovativ eingestuft, obwohl nach unserer Kenntnis keine Studien für diese Therapie-Variante und somit unseres Erachtens keinerlei Beweise für die Wirksamkeit vorliegen. Die folgende Stellungnahme von Prof. Dr. Gerhard Hesse, Sprecher des Fachlichen Beirats der Deutschen Tinnitus-Liga e. V., soll Tinnitus-Betroffenen eine Einschätzung zu „Tinnitracks“ bieten sowie auch die Diskussion unter Fachleuten anregen.

Tailor-made notched music Training (TMNMT) und „Tinnitracks“

In Münster wurde in den letzten Jahren ein spezielles Hörtraining mit abgewandelter Musik entwickelt: Bei dieser „Musiktherapie“ wird die Tinnitus-Frequenz bestimmt, dann wird diese Frequenz aus der Lieblingsmusik des Patienten herausgefiltert und derart verändert über mehrere Stunden am Tag gehört. Nach ersten Untersuchungen an kleinen Patientenzahlen (n=23!) scheint diese Therapie bei bestimmten Patienten zu Verbesserungen der Tinnitus-Belastung zu führen (Pantev et al., 2012), allerdings nur bei Patienten, deren Tinnitus unterhalb 8 kHz lag (Teismann, 2011). Bei den Patienten mit Tinnitus über 8 kHz sind keine Veränderungen gesehen worden, langfristige Veränderungen der Lautheit wurden nicht gefunden, zudem waren die Patienten drei Tage nach Behandlungsende wieder so belastet wie auch die Kontrollpersonen. Außerdem sind Angaben zur Tinnitus-Lautheit, die nur über visuelle Analogskalen (VAS) gemessen werden, nicht relevant und vor allem nicht auswert- und vergleichbar.

Diese Therapie wurde zusätzlich in einer Studie gepaart mit tDCS, also einer direkten Gleichstromelektrostimulation. 32 Tinnitus-Patienten wurden unterschiedlich (kathodisch und anodisch oder sham-placebo) stimuliert und hörten parallel die spezifische Musiktherapie für zehn Tage. Bezüglich der Tinnitus-Belastung ergaben sich jedoch keine Unterschiede (Teismann et al., 2014).

Eine ergänzende Arbeit untersuchte die neuroplastischen Veränderungen der spezifischen Tinnitus-Musiktherapie und verglich sie mit Patienten, die aktiv musizieren. Nur die Patienten, die speziell veränderte Musik hörten, verbesserten sich, nicht die aktiv musizierenden (Pape et al., 2014). In dieser aktuellen Studie (Pape, 2014) zeigte die Erhebung der subjektiven Parameter und der Verhaltenswerte gar keine signifikanten Effekte!

Die Autoren bezeichnen die Therapie als „tailor-made notched music training“ (TMNMT) und postulieren eine Förderung der „rehabilitativen Plastizität“. Als besondere Schwierigkeit wird die exakte und vor allem reproduzierbare Bestimmung der Tinnitus-Frequenz angegeben, was besonders für musikalisch ungeübte Patienten nicht einfach ist. Außerdem darf naturgemäß kein deutlicher Hörverlust vorliegen. In den Studien galt als Grenze 35 dB, da ja die Stimulusfrequenzen auch tatsächlich gehört werden müssen.

Bereits in den 80er-Jahren wurde ein ähnliches Vorgehen propagiert („Tinnicur“) – hier wurde spezielle Musik in der Tinnitus-Frequenz steilflankig abgeschnitten und so die Habituation dieses Störgeräusches in der – an sich schönen – Musik zu fördern versucht, ohne dass sich allerdings wissenschaftliche Belege dafür finden ließen. Mit dem jetzigen, daher nicht wesentlich neuen Ansatz sind bei kleinen Patientenzahlen Verbesserungen nur sehr kurzzeitig zu erzielen und nur bei nicht hochfrequentem Tinnitus. Größere Multizenterstudien müssen den hypothetischen Ansatz dieses Therapieansatzes in Zukunft überprüfen, erst dann ist eine Aussage zu einer Wirkung möglich.

„Tinnitracks“

Gleichwohl ist bereits ein Gerät für diese Therapie im Handel; es wird allerdings nicht von den Wissenschaftlern, die die Studie durchgeführt haben, vermarktet. Vielmehr wird die in den Medien wieder einmal sehr vorschnell propagierte Methode („Tinnitracks“) als besonders innovativ eingestuft, nutzt sie doch Smartphone-Applikationen („Apps“), die der Patient gegen eine Jahresgebühr (nach unserem Kenntnisstand derzeit ca. 500‒600 Euro) nutzen kann. Das Bestimmen der Tinnitus-Frequenz erfolgt über das Internet durch den Patienten selbst oder, was aber noch nicht umgesetzt werden kann, über HNO-Ärzte oder Akustiker. Die Maßnahme wird von der Firma, die die App verkauft, für Patienten empfohlen, deren Tinnitus nicht über 8500 Hz liegt und deren Hörverlust nicht mehr als 65 dB beträgt, also definitiv auch für schwerhörige Patienten. Damit sind die Vorgaben anders (wesentlich aufgeweichter) als die ursprünglichen Münsteraner Vorgaben.

Studien für diese Variante liegen offenbar gar nicht vor, die „Erfinder“ der Software werden jedoch als besonders innovativ gefördert, obwohl sie nach unserem Wissen keinerlei Berechtigung haben, tatsächlich eine „Therapie“ anzubieten. Mittlerweile scheint es schon vereinzelt (in Hamburg) Pilotverträge mit Krankenkassen zu geben, obwohl uns keinerlei Beweise über die Wirksamkeit vorliegen, ja nicht einmal Unbedenklichkeitsstudien und Angaben zu Nebenwirkungen für diese vollmundig als „Therapie“ beschriebene Musikverfremdung vorgelegt wurden.
Der Fachliche Beirat der Deutschen Tinnitus-Liga e. V. (DTL) rät den Mitgliedern der DTL derzeit abzuwarten, bis belastbare Studien, die die Wirksamkeit beweisen, mit ausreichender Teilnehmerzahl vorliegen und veröffentlicht wurden.

Prof. Dr. Gerhard Hesse
(Sprecher des Fachlichen Beirats der Deutschen Tinnitus-Liga e. V.)

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